Leseliste...

der zuletzt gelesenen Bücher:

aber nur, wenn ich es gleich geschafft habe, etwas zu schreiben; leider verschiebe ich dies allzu oft, die Eindrücke verblassen, und ich bedaure die Leerstelle...


A. L. Kennedy: Das blaue Buch
Karl Marlantes: Matterhorn
S. Corinna Bille: Dunkle Wälder
Vladimir Sorokin: Der Schneesturm
David Mitchell: Die tausend Herbste des Jacob de Zoet
Emmanuel Carrère: Limonow
Angelika Meier: Heimlich, heimlich mich vergiss
Jenny Erpenbeck: Aller Tage Abend
Milena Michiko Flasar: Ich nannte ihn Krawatte
Gerbrand Bakker: Der Umweg
Toine Heijmans: Irrfahrt
Julie Otsuka: Wovon wir träumten

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A. L. Kennedy: Das blaue Buch

Hanser 2012, 365 S.

Bervor ich über das Buch spreche zuvor kurz ein paar Worte zu meinem letzten Besuch in einer Buchhandlung. Bevor ich den Landen wieder verlassen wollte, fragte ich die Buchhändlerin, was sie mir wohl empfehlen könne. Das erste Buch, nach dem sie griff war eben A.L. Kennedys »Blaue Buch«. Das war für uns ein wunderbarer Aufhänger für ein Gespräch, da wir beide diese Autorin sehr schätzen. Ich lernte sie vor Jahren mit dem Roman »Alles was du brauchst« kennen und es war wunderbar, ich hatte ein neues Lieblingsbuch. Für mich war dies dann Anlaß, A.L. Kennedy weiter zu verfolgen und ich habe mir danach jedes neue Buch zugelegt.

Ihre Bücher sind besonders und speziell. Vielleicht muß man für ihren Stil einen Sinn haben und ihn mögen, mein Eindruck ist zumindest, daß sie polarisiert. So ganz nebenbei: auch Lesungen mit ihr sind immer sehr schön und einen Besuch wert, was vielleicht daran liegen könnte, daß sie gelegentlich mit Stand-up-Comedy auftritt, außerdem hat sie etwas zu sagen. Das heißt, sie ist auch sehr politisch und äußert sich kritisch zu aktuellen Themen in den Zeitungen, nicht nur im Guardian, auch in deutschen Zeitungen konnte ich sie schon lesen.

Nun aber zum Buch, ich darf es schon am Anfang deutlich sagen: Auch das «Blaue Buch» habe ich sehr gerne gelesen. Es ist ein großartiges Buch, intelligent gemacht und sehr gute Literatur. Ihr Thema diesmal: die Liebe.

»Aber hier ist es, das Buch, das du liest. Offensichtlich. Dein Buch - jetzt fängt es an, es ist berührt und aufgeschlagen.... Und natürlich schaust du es an. Deine Augen, deine Lippen sind ihm zugewandt - diese ganze Blässe, all diese Zeichen - du bist so dicht dran; wäre es ein Mensch, könntet ihr euch küssen. Das könnte unvermeidlich sein. Du kannst dich an Zeiten erinnern, als Küssen unvermeidlich war. Du bist schließlich nicht unattraktiv: nicht, wenn die Menschen dich verstehen, wenn sie verstehen, wer du sein kannst.«
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Karl Marlantes: Matterhorn

Ein Vietnam-Roman

Arche 2012, 671 S.

Nach dem zweiten Weltkrieg dürfte der Vietnamkrieg – oder der »amerikanische Krieg«, wie er in Vietnam genannt wird – mit am tiefsten im Bewußt­sein nicht nur der Amerikaner, sondern der westlichen Welt verankert sein. Seine Aufarbeitung dauert bis heute an. Ich würde mal vermuten, daß heute in der deutschen Bevölkerung, wenn man von den politischen Bewegungen der 60er und 70er Jahre absieht, Erinnerungen an den Vietnamkrieg im wesentlichen durch Kinofilme geprägt sind, zumindest bei den Jüngeren. Bücher zu diesem Thema, Romane, dürfte es in den deutschen Buchhandlungen auch nicht viele geben. Dies ändert sich nun mit diesem Vietnam-Roman, wobei man ihn nicht auf Vietnam einschränken muß, es ist ein Kriegs- oder auch Antikriegsroman. Der Autor, Karl Marlantes, war selbst als Marine in Vietnam und gerade wenn man die biographischen Details nachliest, wofür er seine Auszeichnungen bekommen hat, z.B. das Navy Cross, so muß man sofort an den Roman denken, in dem ebensolche Ereignisse geschildert werden. Sie gleichen sich sehr und ich war durchaus überrascht. Marlantes hat 30 Jahre daran geschrieben und selbst Erlebtes, Gehörtes, Recherchiertes ging ein. Nach der Lektüre muß man einfach Verständnis für die vielfältigen Probleme von Kriegsveteranen haben, bei dem, was sie durchgemacht hatten, dazu aber später mehr.

In »Matterhorn« steht die Bravo-Kompanie, 5. Marineinfanteriedivision, im Zentrum des Geschehens, in der Second Lieutenant Waino Mellas 1969 seinen Dienst ableistet. Er hat sich freiwillig gemeldet, weil er nicht mitansehen wollte, wie seine Freunde im Krieg kämpfen, sterben, und er selbst bequem zurück bleibt, studiert oder das Leben genießt. Ein weiterer Gedanke war natürlich, daß ein Dienst mit Auszeichnungen förderlich für die eigene Karriere sein würde. Ähnlich hat sich auch Marlantes in einem Interview geäußert, Mellas ist sein Alter Ego, aus dessen Perspektive der Roman auch geschrieben ist. Viele in seiner Einheit sind extrem jung, meist um die 20 Jahre alt. Ihre Aufgabe wird sein, an der Grenze zu Nordvietnam und Laos einen Berg zu erobern, sie haben ihn »Matterhorn« genannt, in völliger Erschöpfung Bunker zu errichten und ihn als Stützpunkt auszubauen, dann verlassen sie den Berg wieder um ihn später wieder von den Nord­vietnamesen zurück­zuerobern. Ausführlich beschreibt Marlantes die ständigen Gewaltmärsche durch den Dschungel, die Erschöpfung und Torturen, die zu ertragen sind, ewige Nässe und resultierende Dschungelfäule, nichtheilende Wunden, Eiter der läuft, all die Grausamkeiten, von denen man keine Vorstellung hat, daß sie möglich sind.
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S. Corinna Bille: Dunkle Wälder

Rotpunktverlag 2012, 158 S.

Am 29. August 2012 wäre Corinna Bille 100 Jahre alt geworden. Sie ist die bedeutendste Schriftstellerin der Romandie, also der Westschweiz. Zu diesem Anlaß erscheinen nun wieder einige Werke von ihr im Rotpunktverlag, darunter »Dunkle Wälder«. Auch der Verlag Nagel & Kimche veröffentlicht Erzählungen neu und so war es auch für mich Anlaß, etwas von Corinna Bille zu lesen. In ihrem Werk tauchen immer wieder Wälder, die Berge oder einsame Dörfer auf, das Foto nebenan zeigt ihr Chalet im Wallis, Les Vernys im Réchytal, in einer einsamen, wilden Gegend. Hier spielt auch der Roman »Dunkle Wälder«. Sie verbrachte eine freie und ungezwungen Kindheit in den Walliser Bergen, mußte dann leider in eine Klosterschule und es begann eine Zeit, in der sie mit der dort dominierenden konservativen und katholischen Welt kämpfen mußte, so daß sie ihr Leben lang auch immer wieder dagegen angeschrieben hat.

In dem Buch nun geschieht nicht allzu viel, überwiegend beschreibt es den Sommer einer Frau in und um ihr Chalet. Blanca und ihr Mann haben sich solch ein abgelegenes Chalet zu gelegt, tief in der Natur. Dazu gehört auch viel Land, Wälder, Wiesen und dazugehörige Maiensäße, die zu der Zeit auch teilweise bewohnt sind, trotzdem immer noch vom Chalet weit entfernt. Sie wird dort überwiegend alleine die Zeit im Sommer verbringen, ihr Mann besucht sie allerdings zeitweise, manchmal auch mit den Kindern.

Blanca genießt die Natur über alles, Spaziergänge satt über Wiesen oder in die Wälder. Als weitere Hauptfigur tritt Guérin auf, als Mensch das Gegenteil von ihr oder ihrem Mann, manchmal Herumtreiber, der am liebsten unter Bäumen schläft, manchmal vielleicht etwas schwer von Begriff. Sie nennt ihn den »Einfältigen« und, da er manchmal ganz unvermittelt aus der Natur in ihre Einsamkeit eintritt, geht von ihm immer wieder auch eine Bedrohung für sie aus.
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Vladimir Sorokin: Der Schneesturm

Kiepenheuer & Witsch 2012, 207 S.

Vladimir Sorokin läßt das 19. Jahrhundert in Russland in diesem Buch wieder aufleben. Jeder, der die russischen Klassiker gelesen hat, ich denke an Tschechow, Turgenjew, Tolstoi oder Gogol, wird hier viele ihrer Motive wiedererkennen, auch die Sprache klingt nach 19. Jahrhundert.

Eines der typischen zentralen Motive ist eine Schlittenfahrt übers Land im, der Titel sagt es schon, Schneesturm. Ein Landarzt, Platon Iljitsch Garin, hat die Aufgabe, in den entlegenen Ort Dolgoje zu reisen, da dort eine Epidemie ausgebrochen ist. Er hat einen Impfstoff dabei, der die Menschen dort retten könnte, er wird dringend erwartet. Da er die Pferde wechseln muß, in dem Ort aber keine zu haben sind, engangiert er den Brotkutscher Kosma, genannt Krächz, ihn zu fahren. Der Krächz hat aber keine Pferde, sondern gezogen wird sein Schlitten, dem »Mobil« von 50 Minipferden, jedes nicht größer als ein Rebhuhn. Garin scheint also seine Mission doch noch erfüllen zu können und es geht los in den Schneesturm.
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David Mitchell: Die tausend Herbste des Jacob de Zoet

Rowohlt 2012, 715 S.

Wer sich für Literatur interessiert, dürfte spätestes seit 2004 bzw. 2006 auch David Mitchell kennen, denn sein »Wolkenatlas« ist begeistert aufgenommen worden, allerdings fand sich bisher unter seinen Büchern kein Werk aus dem Genre »historischer Roman«, auch wenn er immer auch mit den Zeiten gespielt hat. Deshalb war ich im Vorfeld sehr gespannt auf dieses Buch, und ja, er hat sich nun auch dieses Genre angeeignet. Die erste Neugier auf Dejima wurde bei ihm schon Ende 1994 geweckt, als er zufällig in Nagasaki vor den Überresten dieser künstlichen Insel stand. In diesem Jahr ging David Mitchell für einige Jahre nach Hiroshima, um dort zu arbeiten, er hat seine japanische Frau kennengelernt und von daher verwundert es nicht, daß er sich eben Japan als historischen Schauplatz ausgesucht hat.

Da es sich um einen historischen Roman handelt, lohnt es sich, vorher den geschichtlichen Kontext zu betrachten und nicht gleich zum Buch überzugehen. Der Roman spielt auf Dejima/Nagasaki in der Edo-Zeit (benannt nach der Hauptstadt Edo, dem heutigen Tokio). Um den Buddhismus zu stärken, hat man schon früh das Christentum verboten (um 1615), außerdem hat sich Japan ab Mitte des 17. Jahrhunderts vom Ausland isoliert, Handel mit dem Ausland wurde auf chinesische und niederländische Handelsposten in Nagasaki beschränkt. Europäer, die illegal versuchten einzureisen, mußten mit der Todesstrafe oder wenigstens mit lebenslänglicher Haft rechnen. Strengstens verboten war auch das Mitbringen christlicher Symbole oder z.B. der Bibel. Übrigens durften auch Japaner das Land nicht verlassen, und welche, die schon weg waren, durften nicht mehr zurück – es war die Zeit der Abschließungspolitik. Kaufleute schufen dann im Hafen von Nagasaki die Handelsstation Dejima, eine kleine, künstlich aufgeschüttete Insel, die nur für etwa 60 Gebäude Platz bot. Auf ihr konnten alle Europäer »gesammelt« werden und sie wurde von der Niederländischen Ostindien-Kompanie (VOC) für ihre Faktorei (Handelsniederlassung) genutzt. Natürlich war auch Dejima absolut abgeschottet und es wurde streng kontrolliert, wer es betrat oder verließ.
Erst in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts öffnete sich Japan dann der Welt.

Und nun können wir direkt in Mitchells Roman »Die Tausend Herbste des Jacob de Zoet« einsteigen. Unser Held Jacob de Zoet, ein junger Handelsangestellter, kommt 1799 nach Dejima und hofft, dort sein Glück zu machen. Triebkraft für diese Entscheidung war im Grunde eine Liebe in der Heimat. Jung und mittellos, wie er war, hat er diesen Weg gewählt, in der Hoffnung zu Wohlstand zu kommen, um seiner liebsten Anna etwas bieten, um beim Vater um Annas Hand anhalten zu können, der verlangte, daß Jacob etwas mit in die Ehe einbringen würde und sie zu heiraten. Es sollten nur ein paar Jahre sein. Doch die Faktorei erweist als das Gegenteil einer wohlgeordneten Handelsniederlassung. Unser armer Held trifft auf eine korrupte und falsche Gemeinschaft. Das erste Bild des rechtschaffenden Faktoreileiters entpuppt sich als großer Irrtum, viele der auf der Handelsstation arbeitenden Landsleute denken nur an ihren eigenen Vorteil, wollen in die eigene Tasche wirtschaften, einschließlich der Vorgesetzten, was übrigens nicht unwesentlich für den Niedergang der Niederländischen Ostindien-Kompanie Jahre später war. Jacob de Zoet selbst war allerdings gründlich, fromm und ehrlich, jemand der seine Arbeit ernst nimmt und die Bücher zu kontrollieren hatte - ein schwerer Stand auf dieser Insel und er machte sich nicht unbedingt Freunde.
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Emmanuel Carrère: Limonow

Matthes & Seitz Berlin 2012, 414 S.

Emmanuel Carrère hat schon ein gutes Dutzend Bücher geschrieben, darunter nicht nur Romane, sondern auch Biographien, wie die über Werner Herzog oder andere Bücher, die einen wahren Sachverhalt beschreiben. Seine Mutter ist die Historikerin Hélène Carrère d'Encausse mit russischen Wurzeln und wichtiges Mitglied der Académie française. Sie widerrum hat viele Bücher über Russland und die Sowjetunion veröffentlicht und gilt in Frankreich als Spezialistin auf diesem Gebiet. Emmanuel Carrères neuestes Buch »Limonow« ist nun beides, eine Biographie und Roman, der aber auch gleichzeitig einen knappen, subjektiven Abriss der russischen Geschichte liefert. Im Grunde enthält das Buch drei Ebenen, nämlich die Beschreibung des Lebens und der Welt von Eduard Sawenko, genannt Limonow, dazwischen immer wieder Carrères eigene biographische Details und Betrachtungen, dazu kommen schließlich noch Erklärungen der russischen Geschichte. Dabei ist das Buch kein reines Sachbuch, sondern eher eine Romanbiographie, es nimmt sich viele Freiheiten, dazu später mehr.

Wer war Eduard Sawenko? Er wurde 1943 geboren und verbrachte seine Kindheit als Sohn eines Tschekisten in Charkow. Als Kind hat er viel gelesen, dann entwickelte er schon früh seine eigenen Ideale, wie ein Mensch, ein Mann sein sollte, nämlich stark und unbeugsam; er trieb sich im kriminellen Milieu herum, Gewalt gehört zu seinem Leben, genauso wie Alkohol. Eine Möglichkeit, sich abzuheben und Ansehen zu erlangen war das Schreiben, Dichter sein. Er legte sich ein Pseudonym zu, Limonow, das an seinen »beißenden, aggresiven« Humor erinnern sollte. Alkohol spielt natürlich auch eine wesentliche Rolle, sich vollständig mit Hochprozentigem zuschütten, das wird ihn ein Leben lang begleiten. Um der Provinz zu entkommen ging er mit 24 nach Moskau, schließt sich literarischen Gruppen an, Dissidenten, dem Untergrund, schreibt und dichtet, dabei ist er, wie dann auch die kommenden Jahre, eigentlich immer in Opposition zu allem. Entweder er selbst ist Führer, der Beste, wenn dies nicht möglich ist, dann in Opposition, das wird ein Lebenprinzip, beim Fußvolk wird er sich nicht aufhalten. 1974 emigriert er dann nach Amerika, nach New York, zusammen mit der schönen Elena. Überhaupt Frauen: er hat sich ein Klassifikations­system geschaffen, es gibt welche vom A-, B-, C- oder D-Typ, er läßt sich auf alles ein, was sich bietet. Sex durchzieht in ausführlichsten Varianten sein Leben, sei es nun in einer Beziehung, mit Schönen, mit Häßlichen, in New York probiert er es mit Männern, mit Obdachlosen und im späteren Leben, als er älter ist, auch mit Minderjährigen…
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Angelika Meier: Heimlich, heimlich mich vergiss

Diaphanes 2012, 331 S.

Ein starkes Buch - allerdings mußte es bei mir nach dem Lesen erst »reifen«…

Angelika Meiers neuer Roman »Heimlich, heimlich mich vergiss« hat mich über die erste Strecke des Romans einige Zeit ziemlich irritiert, ich konnte vieles nicht einordnen. Nachdem ich mir hinterher mal angesehen hatte, wo sie herkommt, mich damit beschäftigte und auch ihr Promotionsthema gesehen habe, änderte sich mein Denken. Die Arbeit wurde 2008 veröffentlicht mit dem Titel »Die monströse Kleinheit des Denkens. Derrida, Wittgenstein und die Aporie in Philosophie, Literatur und Lebenspraxis«. Dieser Titel war schon mal ein Hinweis, aber ich möchte auch gerne noch aus dem Klappentext des Verlags zitieren: » ›Der Abgrund der Hoffnungslosigkeit kann sich im Leben nicht zeigen‹, schreibt Wittgenstein. Wie ist es dann möglich, sich dem Scheitern, den unlösbaren Aporien des Denkens und Handelns zu stellen? Derridas Lektüre der Philosophie als Aporetrographie verwandelt die lebenspraktische Unsichtbarkeit des Abgrunds in eine Möglichkeit der Philosophie, das eigene Scheitern zu reflektieren.«

Hätte ich vorher mehr über Angelika Meiers bisherige Arbeit gewußt und zu diesem Buch vor der Lektüre recherchiert, hätte ich sicher auch einen leichteren Einstieg in das Buch gefunden. Wann schlägt Philosophie in Literatur um, Literatur in Wahnsinn? Und nun sind wir bei »Heimlich, heimlich mich vergiss« - Wahnsinn. Das Buch spielt in einer Klinik, hoch auf einem Berg; die da oben, deutlich abgegrenzt den denen unten im Tal. Ja, man denkt gleich an den Zauberberg, das Buch ist voll von Anspielungen und Zitaten, aber davon später mehr. Aber nicht nur Oben - Unten, die Klinik ist für die da unten unerreichbar, während die oben nicht entkommen können. Es ist eine Klinik, sagen wir mal mit Schwerpunkt Psychiatrie, im/am Kopf wird gearbeitet, da setzt man an. Die Hauptfigur ist der Arzt Franz von Stern, der schon seit zwanzig Jahren in der Klinik arbeitet. Auch seine Kollegen gehören schon fast zum Inventar, ebenso wie die Patienten, denn es gibt keine neuen Kollegen oder ausscheidende, es gibt auch keine neuen Patienten, vor allem werden sie nicht geheilt oder entlassen. Es ist ein abgeschlossener Kosmos, den nicht einmal Nachrichten von außen erreichen, wenn es die überhaupt geben sollte. Die Therapie der Patienten besteht im wesentlichen darin, sie ruhigzustellen, es wird genuckelt mit Opium-Rhabarbersaft, sie werden beschallt mit der eigenen Stimme in speziellen Räumen, Yoga- und Atemübungen sind ganz zentraler Bestandteil der Therapie, oder eben auch mal GV - was könnte gerade hilfreich sein, »Fußreflex oder Fellatio« oder sonstige Wellness?
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Jenny Erpenbeck: Aller Tage Abend

Albrecht Knaus Verlag 2012, 283 S.

Was für ein Buch! Auf wenigen Seiten durchlebt man ein (oder mehrere) Leben durch das ganze 20. Jahrhundert, perönliche Schicksale, Wünsche und Lebensumstände und gleichzeitig ein ganzes Spektrum politischer Systeme. Und dem Leser wirds nicht zu viel, genauso wenig wie oberflächlich.

»Am Abend eines Tages, an dem gestorben wurde, ist längst noch nicht aller Tage Abend.«

Es wird viel gestorben in diesem Roman, wieder gelebt - und doch nur von einer Person. Es geht im Buch um das »Was wäre wenn?«. Welche Konsequenzen hat es für die Hinterbliebenen, wenn jemand stirbt? Kommt die Familie damit zurecht, welche Wende erfährt das Leben durch den Tod? Aber auch für den Toten: was hätte noch werden können, welches Leben kann nicht mehr gelebt werden? Jeder, der schon mal was Schlimmes erlebt hat, kennt den Gedanken »Hätte ich nur..., wäre ich nur eine Minute früher/später, usw.« - und schon würde das Leben der Beteiligten einen anderen Verlauf nehmen.
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Milena Michiko Flašar: Ich nannte ihn Krawatte

Wagenbach Verlag 2012, 140 S.

Die Autorin schreibt über zwei Männer in Japan, die sich auf einer Parkbank treffen und sich langsam kennenlernen, sich (und uns) ihre Geschichte erzählen. Der eine, der 20-jährige Taguchi, wagt erstmals seit zwei Jahren wieder Schritte vor die Tür seines Zimmers bei den Eltern. Sich vor der Welt in die schützenden eigenen vier Wände zurückzuziehen, scheint nach Auskunft Flašars ein zunehmendes Problem junger Menschen in Japan zu sein. Sie werden »Hikikomori« genannt, der Rückzug kann u.U. viele Jahre dauern. Der andere, Ohara, ein älterer Mann um die 50, ist ein Angestellter in Anzug, weißem Hemd, mit Krawatte und Aktentasche - ein »Salaryman«.

Zunächst weiß man nichts über die beiden, doch durch die Regelmäßigkeit der Begegnung kommen sie ganz langsam und vorsichtig ins Gespräch und tauschen sich zunehmend aus. Beide sind zu Außenseitern der modernen, schnellen japanischen Gesellschaft geworden. Leistungs- und Anpassungsdruck, Wahrung des Scheins oder persönliche »Schuld« haben sie dazu gemacht. Es dauert relativ lange, bis man davon erfährt. Milena Michiko Flašar schreibt in einer ganz eigenen Sprache. Kurze, manchmal abgehackte Sätze, stockend, nachdenklich und vorsichtig, wie es tatsächlich auch zu den beiden Männern paßt. Das erzeugt eine eigene Stimmung, die Anteil nehmen läßt am Schicksal der Protagonisten, man läßt ihnen Zeit, sich zu öffnen, ihre Geschichte zu erzählen, spürt ihre Scham.
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Gerbrand Bakker: Der Umweg

Suhrkamp 2012, 229 S.

Ample make this bed.
Make this bed with awe;
In it wait till judgment break
Excellent and fair.

Be its mattress straight,
Be its pillow round;
Let no sunrise' yellow noise
Interrupt this ground.
                  Emily Dickinson

Dieses Gedicht leitet das Buch ein, Emily Dickinsons Werk ist das Arbeitsfeld der Litertur­wissenschaftlerin Agnes, der Hauptperson dieses Romans. Agnes ist aus ihrer Welt in den Niederlanden geflüchtet und hat sich in England, an der Küste von Wales, ein kleines Haus, etwas abgelegen in der Natur, gemietet. Ihren wirklichen Namen erfährt man erst am Ende, im Buch nennt sie sich Emily. Sie möchte weder erkannt werden, noch soll jemand wissen wo sie ist - niemand erfährt konkret ihre Beweggründe, ihre Absichten, sie will für sich sein. Doch als Leser ahnt man bald, daß etwas geschehen sein muß, etwas zutiefst verstörendes in ihrem Leben, was zu ihrem Rückzug vor der Welt geführt hat. Man ahnt, daß es etwas mit ihrer Gesundheit zu tun haben muß, etwas lebensbedrohliches und ich denke, zusammen mit dem Gedicht, wird hier nicht zuviel verraten wenn man sagt, daß sie unheilbar krank ist, sich mit dem Tod auseinandersetzen muß. Hinweise gibt es einige, sie leidet immer wieder an Schwächeanfällen und nimmt ständig Schmerzmittel, manchmal sucht sie Linderung, Auflösung der Spannung in ihrem Körper durch ein Bad.

Die Stimmung deutet sich auf vielen Ebenen an. So beginnt der Roman im November und dauert auch nur bis zum Jahreswechsel, eine Zeit, in der das Wachstum aufgehört und sich die Natur absolut in sich zurückgezogen hat. Die Gänse, bei ihrem Einzug waren es zehn, werden immer weniger, da sich ein Fuchs immer wieder mal eine holt, am Ende bleiben noch vier übrig. Der Vermieter kündigt an, zu Weihnachten ein Schaf, ein geschlachtetes natürlich, vorbeibringen zu wollen. Es handelt sich um ein abgeschiedenes Haus, etwas unzugänglich in der Natur gelegen, die ehemalige Besitzerin ist verstorben und Emily versucht sich um die Gänse zu kümmern, um den Garten und immer wieder unternimmt sie Erkundungen in die Natur, die Umgebung oder für das Nötigste Abstecher ins nächste Dorf.
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Toine Heijmans: Irrfahrt

Arche 2012, 190 S.

Schon auf der ersten Seite viele Sätze, die ein »muss« enthalten: »Es muss Morgen werden. Es muss heller werden. ...Ich muss auf die Karte schauen. Ich muss auch etwas trinken.«

Irgendwas stimmt hier nicht, doch es fällt mir erst jetzt auf, nachdem ich das Buch gelesen habe. Man liest schnell weiter, was nicht stimmen könnte, klärt sich jedoch erst sehr spät.

Auch die dem Roman vorgestellten Zeilen verstehe ich erst nach der Lektüre: »Er war der Architekt seines eigenen Niedergangs. Er wollte etwas tun, was katastrophal schiefging.« Dies sagt der Sohn von Donald Crowhurst, der 1968 an einem Segelwettbewerb teilnahm, ein von Schulden geplagter Unternehmer, der sich mit dem Preisgeld sanieren wollte, aber im Laufe der Zeit »dem Wahn verfiel«.

Doch von vorne. Der gleichnamige Donald des Buches hat 15 Jahre seinen Job im Büro erledigt, zur Zufriedenheit aller, aber mehr auch nicht, ohne sonderliche Perspektive oder Pläne, sehr angepaßt. So kommt es ihm recht, ein Sabbatical zu nehmen, eine Auszeit, um seinen Traum zu erfüllen, einfach mal raus und weg zu einem dreimonatigen Segeltörn. Die letzten beiden Tage, die ihn von Dänemark zurück in die Niederlande bringen sollen, sind für ihn gleichzeitig die Krönung seiner Auszeit. Mit seiner Frau hatte er abgesprochen, daß ihn dieses letzte Stück seine siebenjährige Tochter Maria begleiten würde. Nur Vater und Tochter, die stolz auf ihn sein würde.

Mit diesen beiden Tagen, der kurzen Segeltour, die eine intensive Zeit mit der Tochter werden sollte, beginnt das Buch...
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Julie Otsuka: Wovon wir träumten

Mareverlag 2012, 159 S.

Julie Otsuka ist 1962 geboren und wuchs in Kalifornien als Amerikanerin japanischer Herkunft auf. Das ist hier deshalb bemerkenswert, weil ihr neuestes Buch Wovon wir träumten das Schicksal japanischer Einwanderer in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts schildert.

Nach dem ersten Weltkrieg immigrierten sehr viele japanische Mädchen und Frauen in die USA, um japanische Einwanderer zu heiraten. Meist waren es sehr arme Frauen, die in Japan nur ein erbärmliches Leben vor sich sahen und sich ein besseres Leben in Amerika erhofften. Sie wurden über den Pazifik verschifft und hatten von Heiratsvermittlern lediglich Fotos eines Mannes, der sie erwartete, von dem sie aber fast nichts wußten. Das wurde zum Drama für viele. Schon die Männer, die sie erwarteten, waren oft genug nicht die, die sie auf den Fotos betrachteten. Sei es, daß die Männer sehr viel älter waren, häßlicher oder eben auch oft nur arme, am Rand der Gesellschaft stehende Männer und nicht der reiche, erfolgreiche Amerikaner. Oder es waren ganz andere Personen auf dem Foto, nur ein Freund oder Arbeitskollege.

Doch auch das Leben im goldenen Kalifornien, in der amerikanischen Gesellschaft erwies sich anders, als sie es sich erhofft hatten. Die Frauen waren billige Arbeitskräfte für ihre Männer, oder für die Amerikaner. Sie arbeiteten sich bis zur Erschöpfung auf dem Land ab, auf den Gemüsefeldern, in der Landwirtschaft, sie putzen oder im besseren Fall waren sie billige Hausmädchen bei den Weißen, im schlechteren Fall landeten sie in Bordellen. Was sie aber nicht bekamen war Respekt oder Achtung, sie wurden ausgebeutet, waren rechtlos, bekamen Verachtung und den Rassismus täglich zu spüren. Sie waren von der Gesellschaft ausgeschlossen, auch wenn sich die Amerikaner an sie gewöhnten, ihre Zuverlässigkeit schätzten, so gehörten sie doch nie dazu, blieben unter sich.
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© Ralf 2012