AB - Die Andere Bibliothek 2019


Arnold Höllriegel: Die Derwischtrommel
Lothar Müller: Freuds Dinge
Johann Karl Wezel: Herrmann und Ulrike
• Bettine von Arnim: Letzte Liebe
• Georg Hermann: Kubinke



Arnold Höllriegel: Die Derwischtrommel

Das Leben des erwarteten Mahdi

Mit Anmerkungen und einem Nachwort versehen von Florian Krobb

AB – Die Andere Bibliothek 2019, AB 409, 333 S.

Arnold Höllriegels Bericht vom Mahdi-Aufstand und der Errichtung eines islamischen Staates im Sudan in den 1880er Jahren erinnert uns in vielem an unsere Gegenwart. Sein originelles Mahdi-Epos ist eine literarische Auseinandersetzung mit dem alten Konflikt zwischen dem europäischem Selbstverständnis und dem orientalisch-afrikanischen Fremden.

Die Derwischtrommel geht auf Höllriegels Sudan-Aufenthalt im Jahr 1929 zurück und ist Romanbiografie über eine historische Figur in den 80er Jahren des 19. Jahrhunderts, die mit Eindrücken aus dem Khartum der 1920er Jahre untermischt ist. Der charismatische Mahdi – ein von Gott Geleiteter in Mohammeds Nachfolge – Muhammad Achmad aus dem Sudan versetzte mit seiner religiös-endzeitlichen Massenbewegung und den militärischen Erfolgen über die ägyptischen Provinzgouverneure und die britischen Kolonialgeneräle das imperiale Europa in Angst und Schrecken: 1885 eroberten die Mahdisten Khartum und bis 1898 herrschte das sudanesische Kalifat, der islamische Gottesstaat. Es war die Geburt des Islam als politische Bewegung aus einem Aufstand gegen den Kolonialismus; auf dem Spiel stand die »Zivilisierung« Afrikas nach westlichen Maßstäben.

Arnold Höllriegels Auseinandersetzung mit dem Mahdi – mit dem Phänomen von Massenhysterie, Fanatismus und autokratischem Führertum – erschien als bibliophile Ausgabe 1931 mit beachtlichem Erfolg, geriet aber in Vergessenheit.

Geschrieben im Stil einer rhythmisch-expressionistischen Reportage voller handlungspraller Episoden und modern erzählt im Zusammenspiel von Dialogen und Episoden aus den Berichten von Augenzeugen versucht Höllriegel, verschiedene Sichtweisen auf das historische Geschehen zu fassen. Er formuliert als sein Ziel, als Gegengewicht zu den verbreiteten Dämonisierungen der Person des Mahdi und seiner Bewegung Gerechtigkeit widerfahren zu lassen.

Der englischen Version im Jahr 1931 (1932 folgten die USA) schrieb Winston Churchill das Vorwort: Er hatte 1898 am Feldzug mit bis dahin beispielloser industrieller Kriegslogistik unter Horatio Herbert Kitchener gegen den Mahdi-Staat teilgenommen und darüber in The River War (1899) geschrieben – aus ganz anderer Perspektive und im Glauben, dass der Kulturkonflikt um den Islam welthistorisch beendet sei (AB-Band 282: Kreuzzug gegen das Reich des Mahdi).

Buchgestaltung: Hannes Aechter



Lothar Müller: Freuds Dinge

Der Diwan, die Apollokerzen und die Seele im technischen Zeitalter

AB – Die Andere Bibliothek 2019, AB 410, 417 S.

Freuds Dinge spürt jenen Gegenständen nach, die die bürgerliche Lebenswelt im späten 19. und frühen 20. Jahrhundert bevölkerten, als Sigmund Freuds Psychoanalyse entstand.

Ob Instrumente medizinischer Laboratorien, Möbel oder Kinderspielzeug, Götterfiguren aus Gips und Marmor in Sichtweite des legendären Diwans oder Schreibgeräte wie der „Wunderblock“ – die Warenwelt des technischen und industriellen Zeitalters verwandelt sich bei Freud in „Traumdinge“, die den Träumenden einladen, durch Name oder Gestalt seine Erinnerungen, Wünsche oder Ängste zu offenbaren.

Das Inventar des modernen, von Mechanisierung und Elektrifizierung geprägten Alltags, ist in Freuds Fallgeschichten und Deutungen eingewoben, es spielt wie die antike Mythologie eine tragende Rolle in der Erforschung des „seelischen Apparats“. So lassen sich Freuds Schriften nicht nur als Aufdeckung des Verdrängten und Entzifferung des Unbewussten  lesen, sondern zugleich als Geschichte des Zusammenspiels von Dingwelt und Seelenleben im bürgerlichen Zeitalter.

Lothar Müllers verblüffende Neulektüre wirft einen überraschenden Blick auf Sigmund Freuds epochale Deutungskunst und geht der Geschichtlichkeit des Unbewussten nach.

Buchgestaltung: Katrin Schacke



Johann Karl Wezel: Herrmann und Ulrike

Ein komischer Roman

AB – Die Andere Bibliothek 2019, AB 411/412, 813 S.

»Der beste deutsche Roman, der mir jemals vor Augen gekommen ist.«
Christoph Martin Wieland (1780)

Johann Karl Wezel ist ein vielseitig genialischer Autor des 18. Jahrhunderts, ein heute fast vergessener Spätaufklärer und Frühromancier. Sein monumentales Buch Herrmann und Ulrike, geschrieben auf dem Höhepunkt seines damaligen Ruhms, ist ein Glanzstück des deutschen Bildungsromans und löst das Epos der adeligen Zeit endgültig ab – satirisch oder einfach nur komisch.

Held Herrmann, der an einem bizarren Fürstenhof erzogen wird, verliebt sich in die unkonventionelle Baronesse Ulrike und die beiden entfliehen voller Irrungen und Wirrungen der adeligen Welt.

In Johann Karl Wezels Roman spiegeln sich im überbordenden Personal alle Gesellschaftsschichten der Zeit, alle Sprachregister werden gezogen. So entsteht auch ein weites, welthaltiges, herrlich farbiges Panorama des ausgehenden 18. Jahrhunderts in Deutschland und seinen damaligen Metropolen.

Buchgestaltung: hawemannundmosch


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