AB - Die Andere Bibliothek 2020


Olga Forsch: Russisches Narrenschiff
Robert Byron: Der Berg Athos
Rolf Vollmann: Frauenkatalog 1200, in zehn Bildern
Albert Londres: Afrika, in Ketten
Alphonse Karr: Reise um meinen Garten
Miklós Szentkuthy: Apropos Casanova
Boehncke/Sarkowicz: Der fremde Ferdinand
• Nadeschda Mandelstam: Erinnerungen an das Jahrhundert der Wölfe
• Michael Thumann: Der neue Nationalismus



Olga Forsch: Russisches Narrenschiff

Aus dem Russischen übersetzt, mit Anmerkungen und einem Nachwort bereichert von Christine Pöhlmann

OT: Sumaschedschi Korabl (1930)
AB – Die Andere Bibliothek 2020, AB 421, 320 S.

Maxim Gorkis »Haus der Künste« in Leningrad wurde zur Arche Noah, die die Literatur retten sollte. Russisches Narrenschiff ist Almanach und Abgesang, eine erstmals übersetzte und zu entdeckende Hymne an die Literatur.

In Olga Forschs Roman schlägt uns in neun »Wellen« das Panorama einer Epoche entgegen. Das russische Narrenschiff, das durch die Jahre fährt, ist das von Gorki ins Leben gerufene »Haus der Künste«, in dem Maler, Philosophen und Schriftsteller gemeinsam mit Arbeitern lebten und ihre Existenz in den Bürgerkriegsjahren sicherten. Dieses »Narrenschiff« ist beseelt vom Wahn der Kunst: Seine Passagiere sind Menschen in den Jahren nach dem Oktoberumsturz und bis zur Auflösung des Hauses im Jahr 1923, die sich in Kühnheit und Fortschrittlichkeit zu überbieten versuchen.

Die ersten »Wellen« kreisen um das Zeitgeschehen, führen uns das Personal des "Silbernen Zeitalters" der russischen Poesie, Boris Pilnjak, Alexander Blok, Viktor Schklowskij und andere, verkleidet vor, die Dichtung Anna Achmatowas bildet die Hintergrundmusik dieser avantgardistischen Wettstreite. Die nachfolgenden Wellen erzählen von Autoren und ihren Werken. In einem assoziativen und episodenhaften Erzählen setzt sich kaleidoskopartig die Zeit zusammen.

»Russisches Narrenschiff« hat ein eigenes Schicksal. Olga Forsch war gewiss keine Dissidentin, doch der Roman verschwand nach der Veröffentlichung 1931: Er wurde weder in die später erschienene Gesamtausgabe der Werke von Olga Forsch aufgenommen noch zu ihren Lebzeiten veröffentlicht.

Buchgestaltung: Kosmos - Visuelle Kommunikation, Martin Denker



Robert Byron: Der Berg Athos. Reise nach Griechenland

Übersetzt aus dem Englischen von Niklas Hoffmann-Walbeck. Mit einem Nachwort von Wieland Freund

AB – Die Andere Bibliothek 2020, AB 422, 405 S.

Auf dem heiligen Berg Athos ist die Zeit seit dem byzantinischen Reich stehen geblieben – von dort berichtet der exzen­trische Klassiker der euro­päischen Reise­literatur mit scharfer Zunge und britischem Witz.

Im Privatabteil eines Nachtzugs durch Frank­reich und in der ersten Klasse eines Dampfschiffs von Marseille weiter nach Piräus: Robert Byron reist standesgemäß. Er ist gerade 22 Jahre alt und hat soeben sein erstes Buch veröffentlicht, Europa 1925, für das er sich auf die Grand Tour von London über Deutschland und Italien bis nach Griechenland begeben hat. Noch immer steht er ganz unter dem Bann der Eindrücke seines Reiseziels, der Schätze byzantinischer Kunst in dem Land, das einst Hellas hieß. Mit Freunden aus Oxford bricht er erneut auf und reist diesmal auf die Athos-Halbinsel, das spirituelle Herz des orthodoxen Christentums.

Mit seinen drei Freunden möchte Byron die Fresken der byzantinischen Kirchenräume fotografieren und zeichnen, als früher Byzantinist entdeckt er hier die Ursprünge der europäischen Malerei – und ein Gegenbild zur westlichen, rationalistischen Lebensform.

Der Mönchsrepublik auf dem Heiligen Berg widmet er seine ganze Beobachtungsgabe. Sie entdecken vor der Öffentlichkeit und dem Zeitgeschmack verborgene Kunstwerke aus byzantinischer Zeit, die jahrhundertealten Riten und die monastische Tradition einer abgeschottet lebenden Bruderschaft, die nicht nur Frauen seit Urzeiten den Zutritt zu ihrem Heiligtum verwehrt.

Für Robert Byron werden die Ostkirche und ihre Überlieferung, die byzantinische Kunst und die orthodoxen Riten zum ästhetischen Ideal, das er dem Geist und der Mode seiner Zeit entgegenhält. Sein bissiger, bisweilen selbstironischer, häufig gnadenlos aburteilender Blick erschließt uns eine kleine Welt im Verborgenen.

Von Gelehrtenprosa ist sein Stil weit entfernt. Sein englischer Spott macht auch vor den Gewohnheiten der Klosterbrüder nicht Halt und so entfaltet der kunsthistorisch brillierende »Reiseführer« Robert Byron in »Der Berg Athos« einzigartige Einsichten in die Lebensgemeinschaft seiner Zeit. Er popularisiert in seinen kritischen Beobachtungen zu Ästhetik, Architektur und Traditionen bildender Kunst den »guten Geschmack«. Seinen Snobismus sieht man diesem jungen Briten dabei gerne nach: Er ist das Salz seiner Beschreibungskunst.

In der Anderen Bibliothek erschienen von Robert Byron 2004 »Der Weg nach Oxiana« und 2016 »Europa 1925«.

Buchgestaltung: Chris Campe



Rolf Vollmann: Frauenkatalog 1200, in zehn Bildern

Mit einem Vorwort von Justin Vollmann

AB – Die Andere Bibliothek 2020, AB 423, 340 S.

Ginover statt Artus, Jeschute statt Parzival: Wir lernen sie endlich kennen, die Frauen der mittelhochdeutschen Romane um 1200, nicht als bloßes Beiwerk, nicht als Nebenfiguren – die Frauen spielen die Hauptrolle und Rolf Vollmann stellt sie uns vor.

Mit erzählerischer Leichtigkeit führt Rolf Vollmann uns ein in die Sagenwelten von Artus & Co., schleust sich selbst ein unter die Protagonistinnen, kommentiert das Geschehen – und macht uns das Mittelalter gegenwärtig: Denn auch dort wurde »gebruncht« – aber vor allem begehrt, geliebt und intrigiert.

Parzival und Artus, Willehalm und Lancelot – diese Helden und Hauptfiguren der mittelalterlichen Sagen kennen fast alle. Um die Kenntnis der großen Frauen, die nicht einfach nur an deren Seite standen, ist es schlechter bestellt: Ginover (oder Guinevere) mag noch zusammen mit Artus und Lancelot genannt werden, doch Jeschute und Sigune aus Wolframs Parzival sind nur noch wenigen vertraut. An diesen mittelhochdeutschmodernen Geschlechterverhältnissen rüttelt Rolf Vollmann: Frauen sind die Zentren der berühmten Geschichten.

Da gibt es die junge Lavinia, die sich brennend für Eneas interessiert, obwohl ihre Mutter sie deshalb lieber tot sähe; die Königin Ginover, mitsamt Ehemann Artus und Geliebtem Lancelot; die junge Seglerin Sigune, eine Frau aus der Gralssippe, die mit ihrem toten Geliebten in den Armen in einer Linde sitzt, eine Verwandte Parzivals; die schöne Enite, die bei Hartmann von Aue ihren Mann wieder auf Trab bringen muss, der faul geworden ist, kaum hat er sie geheiratet; die hübsche Jeschute, über die der ganz junge Parzival, nachdem er seine verwitwete Mutter Herzeloyde verlassen hat, geradezu in seiner Tölpelhaftigkeit stolpert, worauf ihr Mann die Unschuldige als Nackte durchs Land reiten lässt.

Forsch, eigensinnig, manchmal unbarmherzig, immer schön – so stellt Vollmann uns das weibliche Personal des Mittelalterromans vor. Anders als Eschenbach, Hartmann von Aue und alle übrigen anonymen Autoren, die hauptsächlich an den männlichen Helden interessiert waren – späte Gerechtigkeit, die Vollmann lustvoll, mit dem Geschichtenmaterial spielend, vor uns ausbreitet.

Keine Seminarlektüre, sondern vergnügliche, heitere Stunden der Muße schenkt uns Rolf Vollmann.

Buchgestaltung: Manja Hellpap



Albert Londres: Afrika, in Ketten

Reportagen aus den Kolonien

Aus dem Französischen übersetzt von Petra Bail und Yvan Goll,
mit einem Nachwort von Irene Albers und Wolfgang Struck

AB – Die Andere Bibliothek 2020, AB 424, 376 S.

Die Geschichte des Kolonialismus in Afrika holt uns immer wieder ein: in Gestalt von Flucht und Migration oder im Streit um die Rückgabe von Kulturgütern. Mit dem großen Reporter Albert Londres schauen wir auf das französische West- und Nordafrika in den 1920er-Jahren.

Afrika, in Ketten versammelt zwei Berichte aus dem französischen Kolonialreich: In »Schwarz und Weiß« bereist Londres Französisch-West- und Äquatorialafrika, sein Weg führt ihn von Dakar über Bamako und Timbuktu im Westen nach Niger und weiter in den Sudan, bis er im Kongo den Äquator überquert. Sein Gegenstand ist das Leben der weißen »Staatsbürger Frankreichs« und der schwarzen »Untertanen« in den sogenannten Überseegebieten, die willkürliche Rechtsprechung der Kolonialverwalter und die Geschicke der zahllosen Glücksritter, die fern von Europa zu schnellem Reichtum zu gelangen versuchen. 1928, genau achtzig Jahre nach der Ächtung der Sklaverei in Frankreich 1848, zeigt Londres: Das Herrschaftsverhältnis von Herr und Knecht ist intakter denn je.

Sein literarischer Journalismus ist für die französische Öffentlichkeit skandalös. Während die Pariser Boulevards sich an exotischen Kolonialwaren und Kakao- Reklametafeln erfreuen, sich an der Idee der Zivilisierung der Einheimischen und an der eigenen Wohltäterschaft erheben, präsentiert Londres die echte, die zynische Perspektive der Kolonisatoren; so beim Bau der »Kongo-Ozean-Bahn«, bei der das »Negermaterial« noch weniger wert ist als bloßes »Menschenmaterial«.

In »Biribi« besieht Londres die Strafkompanien in Französisch- Nordafrika, die er 1924 besuchte. Ihr Name leitet sich ab vom französischen Glückspiel Biribi: Der Bankvorteil ist enorm, die Wahrscheinlichkeit des Gewinns verschwindend gering, der Einsatz – das Leben.

In Biribi sitzen sie ein: Straffällige aus den in Afrika für den Ersten Weltkrieg rekrutierten Truppen Frankreichs, aus dem China-Regiment, aber auch noch die letzten Lebenden aus der Rheinarmee, die 1870/71 im Deutsch-Französischen Krieg kämpften. Ihre Vergehen: Desertion, Fahnenflucht, »Feigheit vor dem Feind«, »Wehrkraft­zersetzung«, Befehlsverweigerung, Beleidigung von Vorgesetzten. Diese Zwangsarbeiter bis zum Tode nennt man Untote – sie bewohnen die Unterwelt von Biribi zahlreich.

In diese Hölle, in der mittelalterliche Strafen erlitten werden, steigt Londres hinab und kann mit Recht sagen: »Dante hat gar nichts gesehen.«

In der Anderen Bibliothek erschien von Albert Londres 2013 »Ein Reporter und nichts als das«.

Buchgestaltung: Nicole Pfeiffer



Alphonse Karr: Reise um meinen Garten

Aus dem Französischen übersetzt von Caroline Vollmann und einem Vorwort von Eduard Bodi

AB – Die Andere Bibliothek 2020, AB 425, 433 S.

»Machen Sie Ihre Reise um die Welt, ich werde die Reise um meinen Garten machen.«

Ein Garten genügt. Ein entzückender Ort des Zaubers und des Spektakels im Alltäglichen und Kleinsten. Warum in die Ferne reisen, wenn sich in der nächsten Nähe eine ganze Welt auftut?

In den 59 Briefen seines Romans Reise um meinen Garten nimmt uns Alphonse Karr mit auf eine Reise, die nicht weiter führt als in den eigenen Garten. »Alles reist«: der Käfer auf dem Blatt, die Gallwespe, der Zugvogel, der Himmel und die Farben, ja sogar das Klima und die Jahreszeiten.

Alphonse Karr richtet seine Briefe an einen Freund, der sich auf große Fahrt begibt. Er selbst bleibt in seinem Garten und beweist dem Freund die Ebenbürtigkeit seiner Erkundungen und Entdeckungen in der nahen Natur. Es braucht nur offene Augen: für das Spektakel der Spinnen oder Bienen, Laubfrösche oder Marienkäfer, für das Gewese der Rosen mit ihren Blattläusen, von Nussbaum, Pfeilkraut, Veilchen oder Lilie. Das alles ist bei Alphonse Karr, dem romantischen Autor und scharfzüngigen Journalisten, verflochten mit moralischen und politischen Betrachtungen. Und mitunter gibt sich ein franziskanischer Enthusiast zu erkennen: »Mein Gott! Wie bin ich reich!«

Alphonse Karr hat Henri Fabre mit dessen berühmten Insektenbeobachtungen genauso wie Maurice Maeterlinck mit dessen nicht minder berühmtem Leben der Bienen den Weg gewiesen.

Alphonse Karr führt das Genre der »Zimmerreisen« weiter, die Xavier de Maistre mit seinem Buch Die Reise um mein Zimmer knapp ein halbes Jahrhundert zuvor begründet hat – die Erkundung des Nahen. Alphonse Karrs Reise um meinen Garten erschien im April 1845 in einer Luxusausgabe, illustriert von den besten Graveuren seiner Zeit, mit großem Aufsehen. Es wirkte wie ein Gegenmittel in einer Epoche, in der die Welt- und Entdeckungsreisen ihren Höhepunkt erlebten.

Buchgestaltung: Glenn Vincent Kraft



Miklós Szentkuthy: Apropos Casanova

Das Brevier des Heiligen Orpheus

Aus dem Ungarischen übersetzt von Timea Tankó
Mit einem Nachwort von György Dalos

OT: Széljegyzetek Casanovához (1939)
AB – Die Andere Bibliothek 2020, AB 427, 312 S.

»Hier ist ein wirklich amusabler, ein sehr wacher, sensitiver, empfänglicher Geist, der im höchsten Sinne Spaß versteht.«
    Thomas Mann, 1949

Moderner Mystiker und virtuoser Gedankenjongleur: Mit Apropos Casanova führt Miklós Szentkuthy (1908 –1988) gewitzt ein in seine Gedankenwelt. In der Lektüre der Memoiren Casanovas treibt er sein höchst subjektives Spiel mit der Sprache und der Geschichte.

Ob als barocker Liebesabenteurer oder als Pseudo-Abaelard, zerrissen zwischen Scholastik und Héloise – bei seinem Ritt durch die Epochen spricht Szentkuthy mit vielen Stimmen. Sein munterer Assoziationskarneval fügt sich zu einem Stundenbuch über die Liebe und das menschliche Begehren. Bei Erscheinen 1939 durch die Zensur verboten, hat sich das Provokante seiner Prosa bewahrt.

Eine ganze Generation ungarischer (Exil-)Literaten kennt Szentkuthys fliegende Metaphern. Endlich können wir den Budapester Solitär auf Deutsch lesen: in einer bestechenden Übersetzung von Timea Tankó.

Er ist der Solitär der ungarischen Literatur. 60 Jahre arbeitete Miklós Szentkuthy an seinem enormen, uferlosen Werk – auf Deutsch lagen bisher nur wenige Seiten vor. Zu entdecken ist ein literarischer Kosmopolit, ein ungarischer Borges, ein zu jeder Zeit Unzeitgemäßer.

Buchgestaltung: Hanzer Liccini



Heiner Boehncke, Hans Sarkowicz: Der fremde Ferdinand

Märchen und Sagen des unbekannten Grimm-Bruders

AB – Die Andere Bibliothek 2020, AB 428, 444 S.

Jacob und Wilhelm Grimm sind als »Brüder Grimm« weltberühmt geworden. Aber es gab noch einen weiteren Bruder: Ferdinand. Der Sonderling, das »schwarze Schaf«.

Der »fremde Ferdinand« ist in der Familiengeschichte unter den sechs Geschwistern verloren gegangen und im Schatten der anderen Brüder fast unbekannt geblieben. Sein »verkehrtes Leben« bis zu seinem Tod am 6. Januar 1845 in der Bibliotheksstadt Wolfenbüttel, elend und verlassen, blieb lange Zeit ein Rätsel - dabei hätte die aufmerksame Lektüre seiner wunderbaren Briefe die lange verleugnete Homosexualität längst entziffern können, derentwegen er von seinen Brüdern geächtet wurde.

Erst noch zu entdecken ist vor allem der Autor, Sammler, Herausgeber und Literaturkenner Ferdinand Grimm. Er griff nicht nur seinen Brüdern unter die Arme und lieferte ihnen Märchen und Sagen, die ihm bei seinen ausgedehnten Wanderungen durch Deutschland erzählt wurden, sondern er veröffentlichte drei eigene umfangreiche Anthologien unter verschiedenen Pseudonymen; zudem arbeitete er an der Ausgabe von Heinrich von Kleists nachgelassenen Schrifte mit.

So ist ein immenser und weitgehend unbekannter literarischer Schatz entstanden, aus dem Heiner Boehncke und Hans Sarkowicz schöpfen konnten, um dem vergessenen und verdrängten Ferdinand späte Gerechtigkeit widerfahren zu lassen.

»Fern sind mir die Menschen. Ich bin allein. Meine Welt ist mein einsamer Garten, die Bücher sind meine Freunde, mit welchen ich mich unterhalte; ohne diese Bücher, ohne Bäume und Blumen lebte ich längst nicht mehr.«      Ferdinand Grimm

Buchgestaltung: Hagen Verleger


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Ausblick:
















© Ralf 2020