A. L. Kennedy: Süßer Ernst

Aus dem Englischen von Ingo Herzke und Susanne Höbel
Hanser Verlag, Münschen 2018, 560 S.
OT: Serious Sweet (2016)

Es ist schon über 15 Jahre her, daß ich das erste Buch von A L Kennedy gelesen hatte, »Alles was du brauchst«. Ein wunderbares Buch, seither musste ich fast jedes Buch von ihr haben. »Süßer Ernst« wird man nach dem Lesen auch nicht mehr vergessen, auch ein ganz besonderes Buch.

Im Zentrum stehen ein Mann und eine Frau, die man sehr intensiv kennenlernt. Jon, fast sechzig, ist ein höherer Ministerialbeamter in London, der so gut mit Worten jonglieren kann, daß er Fakten und Skandale seines Ministeriums so umformuliert und bearbeitet, daß sie der Presse und der Öffentlichkeit präsentiert werden können, ohne allzu großen Schaden zu verursachen, die Wahrheiten bekommen einen Anstrich, so daß sie zu Entscheidungen des Ministeriums passen, darin ist er Meister. Die Wahrheit »hinbiegen«. Da er damit allerdings gegen seine Überzeugungen handelt, ihn die Zwänge, der Druck, die Behördenbürokratie anödet, ihn das Falsche der Politik zutiefst frustriert und beugt, entwickelt sich bei ihm als Ventil die Gegenhandlung, unterdrückte Informationen heimlich weiter zu geben. Privat nutz er das Talent seiner Formulierungsfähigkeiten, indem er Frauen durch Anzeigen den Service anbietet, regelmäßig handgeschriebene Briefe zu schreiben, tröstlich und zärtlich, angepaßt an die Bedürfnisse dieser Frauen.

Eine der Empfängerinnen ist die zweite Hauptperson, Meg. Sie ist Mitte vierzig, ehemalige Buchhalterin, die zur Alkoholikerin wurde. Nach vielen Besuchen bei den Anonymen Alkoholikern und vielen Mühen trocken, arbeitet sie nun Teilzeit in einem Tierheim. Auch bei ihr hat das Leben tiefe Spuren hinterlassen, der lange Kampf, nüchtern zu bleiben, heftige  Verletzungen, die Einsamkeit und das Fernhalten von Depressionen. Die Briefe von Jon lassen in ihr den Wunsch reifen, ihn persönlich kennenzulernen. »Ich trinke. Ich falle um. Ich liege am Boden. Ich habe getrunken. Ich bin umgefallen. Ich habe am Boden gelegen. Das kann ich nicht schreiben. Ich kann gut fallen, aber im Augenblick schwebe ich. Ich bin Meg, und ich hänge in der Luft. Ich glaube, ich bin augenblicklich leer, darum kann ich schweben. Aber das kann ich nicht schreiben.« So denkt sie nach, was in einen Brief hinein könnte, sollte, dürfte, zweifelt. Und schafft es, sie schreibt ihm.
Irgendwann postiert sie sich gegenüber dem Postamt, irgendwann gelingt es ihr, ihn zu erkennen und anzusprechen, sie vereinbaren ein Treffen.

Auf dieses Rendevous steuert das Buch hin. Es spielt innerhalb eines einzigen Tages im April 2015. Die Überschriften sind nach den Urzeiten gegliedert, es beginnt um 6.42 Uhr und endet zur gleichen Zeit am nächsten Tag. Die Perspektive wechselt stets zwischen den beiden, zwei unterschiedliche Tagesabläufe in London. A L Kennedy gelingt es, den Leser am Leben der beiden teilnehmen zu lassen, indem sie den distanzierten Blick von außen bei beiden immer wieder durch innere Monologe unterbricht. Die Bruchstücke von Außen und Innen, dazu parallel der Gedankenfluß der Protagonisten lassen das gehetzte Leben der beiden in der Großstadt sehr konkret miterleben, gibt tiefen Einblick in die Psyche. Da man ständig hin und her springt, wird die Lektüre natürlich auch recht anstrengend, allerdings wird man dafür reich belohnt mit Intensität und Teilhabe. Als Leser erlebt man zwei verletzte, labile Seelen, die den ganzen Tag über versuchen, Oberwasser zu behalten, in ihrer Verletzlichkeit nicht abzustürzen.

Vielleicht hört sich das alles nun etwas öde oder trocken an, aber das Buch hat eine sehr hohe Qualität. Und trocken ist es überhaupt nicht. Ein Beispiel: Jon, gerade im Büro des Ministers in kleiner Runde, nimmt das Geschehen so wahr: »Diese beiden hier nehmen einme den Atem. Wenn man schon ein bisschen indisponiert ist, rauben sie einem direkt die Luft. Der Handschlag des Ministers fühlt sich an, als würde man warme Scheiße in einer Socke gereicht bekommen. Nur an einem guten Tag kann man ihrer außerordentlichen Widerwärtigkeit standhalten«

Eine weitere Szene im Ministerium: »Versuch mal, bei einer Enladung zum Abendessen zu igrorieren, dass ein Mann, dem du irgendwie vertraut oder zumindest im Fahrstuhl zugenickt hast, die Hand unterm Tisch und - natürlich - auf dem Schenkel deiner Frau hat, während du dein Dessert herunterwürgst und dir Strategien für morgen überlegst, um all diesen Ärschen den Arsch zu retten. Das ist schließlich mein Job...«. Oder, weiter: »Im Gegensatz zum Justizministerium, wo ganz besonders strickt das politische Prinzip herrscht, nichts über absolut gar nichts zu wissen. Wenn es keine Nachrichten gibt, können es auch keine schlechten sein. Und so wird aus der Politik gefälschter Überzeugung - in jedem Sinn des Wortes - die Politik der Illusion, des wahnhaften Narzissmus, der Beihilfe zum Selbstmord, des Missbrauchs.«

Es ist ein Londonroman, der das England unserer zerissenen Zeit abbildet und auch ein sehr politischer Roman, nicht nur wegen der sozialen Spannungen, die in der Großstadt, im heutigen England spürbar werden, sondern auch durch den Frust, den Druck, den Spannungen, die durch den hohen Beamten Jon und seinen Beziehungen zu Kollegen, Minister oder Presseleuten intensiv erfahrbar werden.

Zusammengehalten wird der Tag, der ganze Roman durch das Sehnen, die geplante Verabredung von Mann und Frau, die sich immer wieder durch unerwartete Begebenheiten verschiebt,  und trotzdem nähern sie sich während des Romans langsam an. Zögern und Bangen folgt Hoffen und Wünschen. Ich möchte das Buch nicht zu einem Liebesroman erklären, und doch spielt sie eine große Rolle, das Überwinden der Einsamkeit, die Sehnsucht nach Erfüllung, nach Nähe, nach Liebe und doch auch deren Vermeidung. Die Schwere und Zerissenheiten, die das Außen in das private Leben tragen, lassen sich aushalten mit dem Tröstlichen, dem Zarten, das Liebe dem entgegensetzen kann. Mit ihr können Verletzungen oder Neurosen ertragen werden, die Liebe schenkt Trost und Hoffnung, das schimmert zunehmend durch. Insofern also doch auch ein Liebesroman, aber ganz unsentimental und kitschfrei, sehr »anders«.

Nun, wo ich dies schreibe, merke ich, was mir teilweise entgangen ist. Denn es war am Anfang etwas mühsam in das Buch hineinzufinden, der Wechsel zwischen Außen und Innen, also las ich über einiges hinweg, da entging mir wohl viel.

A L Kennedy ist ein sehr besonderes, wunderbares Buch gelungen, da man den Hauptfiguren in ihrem Inneren sehr nahe kommt, gerade durch die Mühen, die man im Wechsel und mit den Unterbrechungen durch die inneren Monologe hat. Dies steigert die Intensität und das Gelesene wirkt noch lange nach.


© Ralf 2019