Juan José Millás: Meine Straße war die Welt

S Fischer 2009, 206 S.
(OT El mundo, 2007)
Aus dem Spanischen von Peter Schwaar

Der Roman, den Juan José Millás geschrieben hat, ist sehr stark autobiographisch. Er beginnt, als der Ich-Erzähler 6 Jahre alt ist und die neunköpfige Familie in den 50er Jahren von Valencia nach Madrid gezogen ist. Dort ist alles anders:
»Am Anfang war die Kälte. Wer als kleines Kind gefroren hat, wird für den Rest seines Lebens frieren - die Kälte der Kindheit verschwindet nie... Ich erinnere mich an die Berührung der Bettlaken, eiskalt wie Leichentücher... wenn ich hineinschlüpfte. Ich erinnere mich an die Kälte von Löfflen und Gabeln, bis sie sich im Kontakt mit den Händen erwärmten. Ich erinnere mich an die Taubheit der Füße... Ich erinnere mich an die Frostbeulen... Ich erinnere mich vor allem, daß die Kälte aus den Nichts kam, so daß sie auch nicht aufzuhalten war. Sie gehörte zur Atmosphäre, zum Leben, denn das Leben bestand aus Kälte...«

Es ist aber natürlich der Erwachsene, der erzählt, immer wieder zurückschauend auf die Kindheit, mal nur erinnernd, dann wieder aus der Position des Erwachsenen wertend und einordnend:
»Die Reise der Familie nach Madrid markierte ein Vorher und ein Nachher, nicht nur, weil wir nachher Arm wie Kirchenmäuse waren oder weil es vorher nicht kalt gewesen war, sondern weil ich, dank diesem Einschnitt, ganz genau weiß, zu welcher Etappe welche Erinnerung gehört

Ein großer Teil des Romans spielt im Umfeld dieser ersten Wohnung der Familie, seiner Straße. Sie ist ihm vertraut, jedoch erst mit dem Blick aus dem Kellerfenster des Nachbarjungen verändert sich die Welt, erblickt er erstmals eine völlig neue Perspektive auf die Welt, die er immer wieder sucht. Es zieht eine Mystik in sein Leben ein, die Realität verwischt, hat verschiedene Seiten, er gehört dazu und doch wieder nicht. Dieses Gefühl wird zu einem Bedürfnis, er hat es immer wieder, nämlich der Realität zu entfliehen, in der Kindheit manchmal mit Ätherschnüffeln, in Tagträumen oder im Fieber wenn er krank ist: er schätzt die Erfahrung anderer Bewußtseinszustände, als Erwachsener dann auch mal mit Drogen. Auf seine besonderen Assoziationen und Gefühle zu seiner Straße kommt er auch als Erwachsener wieder zurück.
»Ich war verpflichtet, die Geschichte der Welt zu erzählen, das heißt, die Geschichte meiner Straße, denn in diesem Moment begriff ich, daß meine Straße eine Imitation, ein Abbild, eine Kopie, vielleicht eine Metapher der Welt war

Und so erzählt er aus seinen Jugendjahren, von der Armut, seinen Nachbarn, aus der Schule oder von seiner Familie. Und da er als erwachsener und erfolgreicher Autor spricht, spinnt er immer wieder Fäden von der Kindheit bis in die Gegenwart, erklärt die Qelle vieler Themen seiner Bücher, mancher Roman wurde um ein Kinheitserlebnis herum gebaut. Gerade die zweite Hälfte des Buches dominiert etwas mehr die Gegenwart als die Kindheit, da durch die Augen des Erwachsenen Lebensverläufe sichtbar werden, die schon in der Kindheit beginnen und sich später verschiedenartig manifestieren.

Ein anderer wichtiger Erzählstrang, der sich durch einen großen Teil des Buches zieht, ist seiner erste Liebe zu Maria José, die leider schon damals nicht erwidert wurde.
»Wir gingen schweigend nebeneinander her, bis sie sich mir zuwandte und grausam sagte: »Du bist nicht interessant für mich.« Ich ging neben ihr weiter, aber so, wie ein Huhn ohne Kopf weiterflattert, also tot. Dieser Satz hatte mir buchstäblich das Herz gebrochen.«
Er erfährt eine Ablehnung, die sich tief in ihn eingräbt, die er nie vergessen kann und tatsächlich, als Erwachsener, als Autor entdeckt er sie in einer seiner Lesungen wieder. Damit hat er Gelegenheit, ihr viel zu erzählen, was er zurückgehalten hatte, zu erklären, ein Versuch, dieses Trauma aufzulösen, was natürlich nicht gelingt...

Für den Einstieg in das Buch hatte ich etwas gebraucht, aber das wandelte sich dann in Interesse in die erwachsene Figur, die zurückschaut, erklärt, Zusammenhänge aufdeckt. Es geht dabei nicht um eine Kindheit in Spanien, im Madrid der 50er Jahre, das Buch könnte überall spielen, sondern um die persönliche Geschichte eines spanischen Autors. Juan José Millás war mir bisher nicht bekannt und das Buch habe ich letztlich ganz gerne gelesen, allerdings hat es mir auch nicht Lust gemacht, etwas von ihm zu lesen, auch wenn nicht wenige Bücher von ihm übersetzt sind. Zumindest werde ich bei der nächsten Veröffentlichung hellhörig sein...

© Ralf 2010