Anne Philipe: Nur einen Seufzer lang

Rowohlt 1964, 127 S.
(OT Le temps d'un soupir, 1963)
Aus dem Französischen von Margarete Bormann

»Ich wache früh auf. Es ist noch Nacht. Mit geschlossenen Augen versuche ich, in den Schlaf zurückzufinden, doch ich sinke nicht tief genug. Ich bleibe an einem trostlosen grauen Strand, auf halbem Wege zwischen Wirklichkeit und Albtraum. Besser wäre es, Licht zu machen und zu lesen, um die Labyrinthe zu meiden, in die sich die Gedanken verlieren: Doch die Müdigkeit lähmt mich, und ich treibe leuchtenden Erinnerungen entgegen. Manchmal streife ich sie, und dann stürmen sie so heftig auf mich ein, daß ich sie einen Augenblick lang mit der Wirklichkeit verwechsle. Aber das Bewußtsein behauptet sich, und den Kopf dem Kissen zugewandt, das ich nach wie vor allabendlich rechts neben mich lege, gleite ich von Erinnerung zu Erinnerung, bis dein erstorbenes Gesicht vor mir erscheint, wie es sich dem leeren Platz an deiner Seite zuneigte, als das Leben dich verließ.«

So beginnt das Buch von Anne Philipe. Das Buch zuvor, das ich gelesen habe, war "Das Jahr magischen Denkens" von Joan Didion, das einen eher distanzierten, nüchternen Erzählton nutzt, um über Tod und Verlust zu schreiben. Hier nun empfinde ich gerade das Gegenteil, ich empfinde die Sprache sehr blumig, gefühlvoll, es ist trunken von Liebe als auch von Schmerz. Ich sollte vielleicht erwähnen, daß es Leute gibt, für das Buch unerträglich und grauselig ist, eben weil zu gefühlsduselig. Man muß sich vielleicht darauf einlassen, aber ich wollte es gerade als Kontrast lesen.

Anne Philipe schreibt über die Wochen, Tage, Stunden vor dem Tod ihres Mannes und das erste Jahr danach. Er hatte Krebs, drei Wochen vor seinem Tod erfolgt eine Operation, nach der die Ärzte der Ehefrau mitteilen, daß ihr Mann nur noch wenig Zeit zu leben hat - es sind drei Wochen. Sie erzählt im nichts davon, mich hat das im ersten Moment geärgert, da ich es fürchterlich egoistisch von ihr empfand, kann es aber auch wegen der Unausweichlichkeit des Kommenden verstehen.

»Aber ich wollte dich ja glücklich sehen, und dieser Wunsch war stärker als alles andere; und wenn du zu mir sagtest "Ich bin glücklich", wurden alle Verschweigungen, alle Lügen süß wie Honig. Ich hätte die ganze Welt zum Lügen gebracht für das Lächeln, das du mir damals schenktest, das flüchtige Lächeln, das ich in meinen Händen hätte einfangen und an mich drücken mögen - das mir noch immer nachgeht

Ein Gedanke war stärker als alle anderen: er solle nicht leiden, die wenige Zeit, die verbleibt so glücklich für ihn sein. Und dann kommt der Augenblick, der alles verändert. Plötzlich ist er nicht mehr, ER WAR. Bemerkenswert fand ich dann die Beschreibung der Beerdigung, die Erinnerung an das Geräusch, das entsteht wenn Blumen auf den Sarg fallen. Danach möchte man oft den Tod nicht wahrhaben, auch wenn der Verstand vom Ende weiß. In Kleinigkeiten taucht der Geliebte wieder auf, Erinnerungen werden wach, natürlich auch durch die Kinder, die Fragen ungefiltert stellen - oder durch die Ähnlichkeiten mit dem Vater, die man in ihnen findet, Vorlieben, ähnliche Bewegungen oder Blicke...

Im Laufe der Zeit taucht sie dann wieder aus der Versenkung, aus der tiefen Trauer auf und immer wieder der Gedanke, alles dafür zu geben, nur noch einmal einen gemeinsamen Augenblick erleben, vielleicht nur gemeinsam still über das Meer sehen zu können. Auch wenn der Sturm vorrüber ist, es kommt die Zeit der Einsamkeit, der Verzweiflung, die Klarheit des ENDES und der Qual des alltäglichen Lebens, das plötzlich still und leer ist.

Und dann geht es doch wieder weiter. Unbemerkt schleicht sich das Leben wieder ein, das neu wieder vertraut wird, eine andere Wirklichkeit zieht ein. Sie kann die Vergangenheit akzeptieren, das Leben geht weiter. Das fördern natürlich auch ihre Kinder, die sie unbewußt stüzen in ihrem Ungestüm, ihrer Lebensfreude.

»Ich ging nach Hause. Die Kinder, fordernd, empfänglich und übermütig, verlangen mich förmlich. Ich ließ sie gewähren, es tat gut, sie liebten mich, sie waren das Leben.«

Anne Philipe hat ein Buch über die Liebe geschrieben, ihren Mann, die gemeinsamen Erinnerungen, den großen Schmerz und das Leid, das dem Tod folgt und die Trauer. Liebe, die Kinder und die Schönheit des Lebens geben ihr die Zuversicht, mit der Einsamkeit fertig zu werden und Verlust und Trauer zu überwinden.

Ihre Tocher, Anne-Marie Philipe, hat das Buch später noch künstlerisch umgesetzt. Weil das Französisch so schön ist, hier ein paar Worte:
»Un jour, j'ai rouvert Le Temps d'un Soupir. Des phrases de ma mère, une histoire d'amour, de maladie, de mort. La mort de mon père. Deux enfants qui restent

© Ralf 2008