Minna Rytisalo: Lempi, das heißt Liebe

Hanser Verlag 2019, 222 S.
Aus dem Finnischen und mit einem Nachwort von Elina Kritzokat
OT: Lempi (2016)

Lempi, das heißt (im finnischen) Liebe, und es ist gleichzeitig der Name der Frau, um die es in diesem Buch geht. Geschrieben wurde es von Minna Rytisalo, die als Finnischlehrerin in Lappland arbeitet, wo auch der Roman angesiedelt ist. Ein paar Fakten vorab über die Geschichte dieses Landstrichs zu kennen, ist bei diesem Buch durchaus hilfreich, da es nicht nur Zwänge erklärt, sondern auch Flucht und Vertreibung. Für finnische Leser bräuchte es kaum Erklärungen, für uns hat die Übersetzerin auf wenigen Seiten in einem Nachwort einige Zusammenhänge und Historisches zusammen getragen. Ich würde raten, vor dem Roman zunächst diese vier Seiten zu lesen, hier jedoch kurz ganz wenige Stichpunkte.

Der Winterkrieg 1939/1940 war eine Auseinandersetzung zwischen Finnland und der Sowjetunion, nach dem Finnland territoriale Zugeständnisse machen und u.a. Teile Kareliens abtreten musste. Fast eine halbe Million Finnen mussten fliehen, im Fortsetzungskrieg 1941-1944 eroberte Finnland die Gebiete zurück. Dies gelang durch Annäherung und Zusammenarbeit mit den Deutschen. Dadurch waren zu dieser Zeit eine große Menge deutscher Soldaten in dem Gebiet und es kam zu Beziehungen zwischen Finninnen und diesen Deutschen. Frauen aus diesen Beziehungen, die zurück blieben, wurden nach dem Sieg der Sowjetunion verachtet und angefeindet, andere gingen mit ihren Männern nach Deutschland.

Der Roman dreht sich zwar um Lempi, sie erzählt aber nie selbst, sondern ihre Person wird durch drei sehr unterschiedliche Perspektiven von außen geschildert. Zunächst spricht ihr Mann Viljami. Er ist auf dem Heimweg aus dem Krieg, äußerlich zwar ohne Wunde, seelisch jedoch zutiefst verletzt, wird er aus dem Krankenhaus entlassen, da man ihm nicht weiter helfen konnte. In diesem Teil des Buches spürt man stark seine Verlorenheit, die Hoffnungslosigkeit, er sagt selbst „Ich bin leer, überflüssig, ohne Aufgabe“. Er denkt ständig an seine Frau, an die große Liebe zu Lempi, er denkt nicht nur an die Zeit mit ihr, man möchte fast sagen, er idealisiert diese Liebe. Gerne würde man nicht nur von Erinnerungen, sondern direkt von dieser wunderbaren Frau lesen. Es wird ein sehr großes Bild dieser Liebe gezeichnet, daß die Kombination mit dem Leid des heimkehrenden Soldaten dann fast zu viel wird, zu groß das Leid hier, zu groß die Liebe dort - es droht kitschig zu werden.

Im zweiten Drittel des Buches spricht die Magd Elli, die zusammen mit Lempi nach der Abwesenheit von Viljami den Hof geführt, die Kühe gemolken und die Arbeiten verrichtet hat. Das ist ein gravierender Wechsel der Perspektive auf Lempi, es herrscht nun ein völlig anderer Ton. Elli hasst Lempi insgeheim. Lempi mit den zarten Fingern, die verwöhnte Kaufmannstochter, eitel und unfähig zur bäuerlichen Arbeit. Elli die Magd, für alle Arbeiten zuständig, die jedoch eigentlich Absichten an Lempis Mann hätte. Sie wäre viel besser geeignet für das bäuerliche Leben, sie wollte gerne selbst Bäuerin sein. Dieser Hass auf Lempi drückt sich auf vielfältige Weise aus und baut durch den Gegensatz zum ersten Teil eine Spannung und Neugierde auf. Allerdings ensteht auch eine Abneigung, es scheint Böses durch, böses Denken, Missgunst, Ablehnung dieser Magd und man fragt sich, warum Lempi scheinbar so wenig im Zusammenleben mit ihr davon bemerkt.

Und im letzten Drittel hören wir die Perspektive von Lempis Zwillingsschwester. Man erfährt von ihrem gemeinsamen Zuhause, von der Kindheit, wie es zur Verbindung zwischen Viljami und Lempi kam. Sisko erzählt als alte Frau, sie tat sich zu Zeiten des Krieges mit einem Deutschen zusammen, musste mit ihm fliehen, und kehrte später in ihr altes Zuhause zurück. Sisko erzählt nicht nur aus der Gegenwart, er ist nicht hochemotional wie der erste Teil, nicht böse wie der zweite, sondern der Ton ist nun eher nüchtern und sachlich schildernd.

Man erhält durch die drei Erzählperspektiven immer wieder ein neues Bild, neue Ansichten, man korrigiert, am Ende bildet sich ein zusammengesetztes Gesamtbild der Ereignisse der Kriegszeit in den 40er Jahren und danach. Vor allem aber von Lempi, die zwar abwesend aber doch die Hauptfigur und bestimmend im Leben dieser drei erzählenden Personen ist. Manches bleibt nur angedeutet, manchmal ahnt man eher, was geschehen sein muss oder weiter geschieht.

Es ist ein Buch über die Liebe, die überhöht sein kann, glücklich oder unglücklich und schmerzend. Es ist nicht nur Lempi die Hauptfigur des Buches, es ist auch der Krieg und das Unglück,  in das man aus diversen Gründen geraten kann, ein Buch über das Leben, mit seinen unerwarteten Wendungen.


© Ralf 2019